Deutschland hat seine schönen Seiten.

10. Oktober 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Sonnenuntergang auf europäisch.

Sonnenuntergang auf europäisch.

Als ich neulich mit dem ICE von Hannover nach Berlin fuhr, fielen mir die vielen angenehmen Aspekte dieses Landes auf. Nicht nur das geräuschlose Dahingleiten des Zuges unterscheidet sich deutlich vom Reisestil der Langstreckenbusse in Costa Rica, auch die Landschaft draußen überrascht. In der Abendsonne leuchten die vorbeiziehenden Weizenfelder hell auf, reflektieren das warme Licht. Grüne Streifen von Bäumen und hellem Gras durchziehen das Land. Ein Schwarm Vögel taucht auf, der wie eine Fischschule durch die Luft zieht. Fast schon surreal wirkt es als die Vögel direkt am Sonnenball vorbeiziehen und für einen kurzen Moment ein beeindruckendes Schauspiel schaffen: die Strahlen brechen zwischen dem feinen Muster des Schwarmes, der eine Sekunde lang absichtlich vor dem Licht zu verharren scheint. Am Horizont tauchen Kirchtürme auf und verschwinden wieder. Dieses Abendlicht gibt es nur hier. Nahe am Äquator ist es entweder hell, dunkel oder ein intensiver Sonnenauf- oder Untergang überzieht das Land.

Fast einen Monat bin ich jetzt schon wieder in Deutschland, aber es fühlt sich viel länger an. Costa Rica ist für mich so weit weg, dass die Strände, Brüllaffen und Mango-Papaya-Milkshakes in der Hängematte mir schon fast wie eine Vision erscheinen. Genauso, wie es mir damals erging, als ich nach den ersten vier Wochen in Zentralamerika zurückblickte. Hier in Hannover hat mich das Leben ähnlich schnell wieder gefangen genommen. Arbeit, Studiumsbewerbungen, soziale Kontakte halten mich plötzlich wieder auf Trab. Aber auf all dies blicke ich nun aus einer ganz anderen Perspektive. Auch in Costa Rica haben wir viel gearbeitet und auch viel geschafft: Eine Kindergartengruppe aufgebaut, eine Weihnachtsfeier für das Dorf, einen Vorlesewettbewerb zwei Partys, deren Erlöse an gute Zwecke gingen und ein Baumfestival organisiert; Fahrradständer und eine Recyclingstation gebaut; und natürlich Englischunterricht für Kinder und Erwachsene gegeben.  Dennoch war das Leben für mich in dem kleinen Staat wesentlich entspannter als hier in der Heimat. Die Costa-Ricaner sitzen zwar nicht generell auf der faulen Haut und schlürfen Mojitos;  meiner Erfahrung nach sind sie ebenso wenig – entgegen dem gängigen Cliché des Lateinamerikaners – besonders unpünktlich. Sie nehmen sich einfach nur mehr Zeit für alles. „Für Dinge, die ihr in 15 Minuten schaffen wollt, planen wir eine Stunde ein“ sagte meine Gastmutter zu mir, auf dieses Thema angesprochen. Auch schien es mir dort natürlicher Entspannungsphasen in meinen Tag einzuplanen, zwei Stunden am Strand gehörten nun mal zum Tagesablauf dazu.

Aber eigentlich möchte ich mich gar nicht beschweren, ich bin schließlich selber die ganze Zeit unterwegs, in meiner gewohnten hannöverschen Umgebung. Der Unterschied ist nun jedoch: Ich weiß auch, dass es anders geht. Mir ist ein Stückchen klarer geworden, dass es nicht unbedingt das einzige Ziel im Leben sein muss, eine interessante Arbeit, ein Haus und zwei Kinder zu haben. Zeit, die mir zur freien Verfügung steht, macht mich glücklich. Ich sehe, dass „deutsche Eigenschaften“ wie Ernst und Seriosität in zu vielen Lebenslagen nicht unbedingt zur allgemeinen Heiterkeit beitragen. Weiß, dass ein Überfluss an Allem, wie in den Fußgängerzonen der Innenstadt – wo kein Quadratzentimeter leer bleibt der konsumorientiert genutzt werden könnte – nicht unbedingt die Norm ist. Ich habe gesehen, was die direkten Auswirkungen unseres Verhaltens hier sein können. Für das Teakholz unserer Gartenmöbel wird der Regenwald in meinem Dorf abgeschlagen und mit Monokultur-Plantagen notdürftig ersetzt- nachhaltig. Auf aberwitzigen Umwegen landet der Müll, der hier in die Flüsse geworfen wird irgendwann am anderen Ende des Ozeans – an den Stränden Costa Ricas zum Beispiel. Mir ist bewusst, dass Häuser auch so groß sein können, wie unser Wohnzimmer zuhause und trotzdem völlig ausreichen. Auf der anderen Seite schätze ich aber auch den Komfort und die Sicherheit, die ein hochentwickeltes Land wie Deutschland bietet.

In den letzten zehn Monaten habe ich so viel gelernt, wie in keinem Jahr meiner Schullaufbahn. Nie zuvor ist mir meine Weiterentwicklung innerhalb einer begrenzten Zeitspanne so deutlich bewusst geworden. Von einer Extremsituation in die nächste geworfen, oft ganz auf mich allein gestellt, habe ich gespürt, in was für einen Kokon, die wohlbehütete Kindheit und die Wohlstandsgesellschaft mich wickelt. Life Skills, die Schule und Studium nicht vermitteln können, und Erfahrungen von unschätzbarem Wert, nenne ich jetzt mein Eigen. Mit Nichts in der Welt, würde ich dieses Jahr eintauschen wollen und hoffe, dass sich mir noch öfters solch aufregende Chancen bieten. Denn gerade erst habe ich entdeckt, was es alles zu entdecken gibt.

Langsam verschwindet die Sonne hinter dem Horizont und taucht die über ihr hängenden Wolken in grell oranges Licht. Die letzten Lichttentakel ziehen sich von der flachen Landschaft zurück und werden von den nun grauen Feldern verschluckt. Draußen ziehen verwaschene Fabrikgebäude und turmhohe Strommasten vorbei.  Ich bedanke mich innerlich für die vollendete Vorstellung und fühle mich ein Stückchen wohler in meiner neuen, alten Heimat. Aber wer weiß schon, wann es mich wieder in die Ferne zieht.

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Eine letzte Ladung Alltag in Costa Rica

20. Juni 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

„Und nach der Pause stellen wir ihnen ein paar leckere Gerichte vor, die leicht zu ihrem Lieblingsessen avancieren könnten“, sagt die Sprecherin gerade auf Kanal Sieben. „ARRRRROZ“, ruft mein Gastvater begeistert. Man schätzt, was man kennt. Reis. Bei Caso Cerrado, der momentanen Standardsendung zur Abendstund ging es gerade um die Legitimität des Hundeverspeisens. Die Sendung ist eine Art Zwei bei Kallwass mit weniger psychologischem Anspruch (ja, das ist möglich). Innerhalb von einer Stunde, fünfzehn Mal Werbung mit inbegriffen,  werden vier verschiedene Fälle von der energischen Frau Doktor Pola sehr ausführlich behandelt und mit einem beherzten Hammerschlag auf den Tisch mit „he dicho, caso cerrado“ für gelöst geklärt. Fall geschlossen, zack – Ehe geschieden, Mann aus der Wohnung geworfen, Sorgerecht der Kinder verteilt. Das Ganze ist allerdings noch ein bisschen genialer aufgebaut als in Deutschland, denn jeder Fall hat auch eine sozialkritische Message. Oder sagen wir jeder Zweite. Zum Beispiel dass Transvestiten auch ganz normale Menschen sind oder dass man seine Kinder nicht schlägt. Oder eben: Hunde isst man nicht. Eine Mutter und ihre Tochter klagen in diesem Fall ihren Nachbarn an, er würde beständig Hunde essen und sie hätten darum Angst um ihren eigenen Pudel. Der Angeklagte sieht darin freilich überhaupt keinen Fehler und fällt hauptsächlich durch lautstarke Zwischenrufe auf. Die Tochter fängt an zu weinen, Frau Doktor Pola haut mit ihrem Hämmerchen auf den Tisch und erklärt  – unnötigerweise – dass in dieser Sendung immer nur eine Person gleichzeitig reden würde. Nach dem Video eines Welpen, der in das Haus des Hundekillers geschleppt wird und allem Anschein nach nie wieder hinauskommt, sind all sehr gerührt und Frau Doktor Pola wischt sich zwei Tränen aus dem Augenwinkel. Sie sagt, so ginge es nicht, Tiere, die wir essen müssten unter „humanen Bedingungen“ gehalten und geschlachtet werden und der Hund sei nun mal der beste Freund des Menschen. Meinem Kommentar, dass Schweine wohl viel intelligenter seien und in Massentierhaltung (über 90% des Fleisches das wir essen wird in Massentierhaltung produziert) definitiv ein beschissenes Leben haben und unter inhumanen Bedingungen geschlachtet werden, wird innerhalb meiner Gastfamilie keine Geltung beigemessen.

Das TV-Abendprogramm wurde bis vor kurzem sodann weitergeführt mit Sin senas no hay paraiso. Diese Telenovela mit dem klangvollen Namen, Ohne Titten kein Paradies wurde allerdings zum Entsetzen aller nun abgesetzt. Es gibt zwar noch allerhand andere Alternativen, wie Schicksal der Liebe, oder Zwei Herzen allerdings kann keiner „die Titten“, wie die Fernsehsendung liebevoll genannt wurde, ersetzen. Eine gute Sache, denn jetzt werden stattdessen eine Stunde lang Nachrichten geschaut. Eine Stunde mag lang klingen, aber in Costa Rica passiert nun mal viel: Eine Frau in Heredia hat sich ausversehen zwei Finger abgeschnitten; es könnte sein, dass eine Tochter im Barrio Amón von San José ihre Mutter umgebracht hat, man weiß es allerdings noch nicht. Vorsorglich sagt die Nachbarin schon mal ins Mikrofon, dass sie sehr entsetzt sei und  die Mutter eine ganz bezaubernde Frau gewesen sei, obwohl sie ja so selten aus dem Haus ging (auf deutsch: eigentlich kenne ich die Einsiedlerschnepfe nicht, aber fürs Fernsehen saug ich mir mal was aus den Fingern); in Manuel Antonio ist eine Amerikanerin zu weit rausgeschwommen und leider nicht wieder an Land gekommen, dazu der Besitzer eines Kiosks am Strand: passiert öfter mal, die Tochter des Opfers zum gleichen Thema: sie war eine ganz bezaubernde Frau und Mutter, sie wird uns allen fehlen.

Ich habe es ehrlich gesagt noch überhaupt nicht realisiert, dass es jetzt wirklich so weit ist: dass meine Zeit hier in Costa Rica um ist. Über ein dreiviertel Jahr habe ich also auf diesem Kontinent verbracht und mich von ihm gefangen nehmen lassen. Der Gedanke, ich hätte diese Zeit in Deutschland verbracht und müsste auf all die Erfahrungen, Menschen, Orte verzichten, die ich hier kennen gelernt habe hinterlässt eine unbeschreibliche Dankbarkeit bei mir. Dankbarkeit dafür, dass ich jetzt weiß, was es bedeutet sein Leben auf einfache Verhältnisse herunterzuschrauben, ohne Konsumwahn und ohne Werbung, die einen 24 Stunden am Tag mit Dingen zubombt, die man eigentlich nicht benötigt. Dankbarkeit dafür, dass ich unglaublich viele Menschen kennen gelernt habe, die meinen Horizont ein Stückchen erweitert haben. Dankbarkeit dafür, dass einen Kontinent bereisen durfte, dessen Natur das Wort beeindruckend ganz neu geformt hat für mich.

Ein letztes Mal genieße ich die Freuden, die mein costa-ricanisches Leben mit sich bringt. Abends im El Castillo sitzen und das Buschfernsehen, wie Petra es nennt, bewundern. Über dem Meer entlädt sich eine stundenlang andauernde Blitzsalve. Die Lichter zucken über den kompletten Horizont und verwandeln das Wasser in eine silbern schimmernde Fläche. Auf dem Rückweg nach Hause, den Glühwürmchen am Wegesrand danken, dass sie spärliches Licht spenden. Tausende von ihnen schwirren durch die Luft und lassen den Wald aussehen, als hätte jemand eine riesige Lichterkette darin versteckt, die sich bis hoch über meinem Kopf zieht. Nachts verirren sich manchmal ein paar Glühwürmchen in mein Zimmer und leisten mir blinkende Gesellschaft.  Mittags von der Hitze geschafft in die Hängematte plumpsen lassen und einfach nur dösen. Ein Buch lesen und nicht auf die Zeit achten. Morgens um halb fünf aufstehen und den Sonnenaufgang von einer Plattform über der Bucht beobachten. Langsam verfärbt sich der Himmel von grau zu rosa, zu orange, bis sich der gleißende Sonnenball über die Bergkuppen schiebt und das Spektakel beendet. Für diejenigen, die früh genug aufstehen, beginnt der Tag mit einer fulminanten Eröffnung. Ich genieße die Zeit, bevor  die deutsche Mentalität mich einholt. Mit dem Fahrrad durchs Dorf zu fahren und bei jedem auf ein Pläuschchen anzuhalten. Die routinierte Begrüßung „hola, todo bien?“ – „Pura vida, mae!“, die man sich auch noch auf  vierhundert Meter Entfernung zuruft. Ausgedehnte Gespräche über den aktuellen Dorfklatsch. Wer ist der Mann, der nachts um eins „blutüberströmt und nackt“ in einem der Hotels im Dorf auftauchte und dann Richtung Dorf weiterging? Man weiß es nicht, meine Vermutung ist allerdings, der Mann hatte mindestens eine Badehose an und wollte ein Pflaster für eine Schürfwunde am Knie.

Es wird sich zeigen, wie sich der Übergang in den deutschen Alltag gestaltet. Ich kehre auf jeden Fall als ein anderer Mensch zurück, der dieses Land mit ganz anderen Augen sieht.

Frankenstein und kleine Dorfzankereien

21. Mai 2012 § 2 Kommentare

Als ich aufwachte war es dunkel und ich lag in unserem Freiwilligenbüro. Mein Gesicht tat weh aber ich konnte mir auch keinen Reim darauf machen, wieso. Ein Blick in den Spiegel erklärte zumindest die Schmerzen: Ich war über und über mit Blut überströmt, der rechte Teil meiner Mundpartie war nicht mehr wirklich zu erkennen und bis zum Nasenloch hoch zogen sich verschiedene Risse, deren Tiefe nicht auszumachen waren. Meine Nase war bestimmt um zwei Zentimeter breiter als ich sie in Erinnerung hatte und von der Stirn bis zur Nasenwurzel reihten sich Wunden aneinander, die einen beträchtlichen Teil dessen, was sich dort unter der Haut befindet, zur Schau stellten.

Ich war im Castillo gewesen, dem Restaurant am Strand, und hatte beschlossen früher nach Hause zu gehen als die anderen, die dort waren. Mit dem Fahrrad. Wo war mein Fahrrad? Wo war der Laptop, den ich dabeihatte? Ich wusste es nicht mehr, und ich wusste auch nicht, was passiert war, geschweige denn wie spät es war oder wie viele Minuten oder Stunden ich dort gelegen hatte. Ein Blick nach draußen verriet mir, dass es wohl keine gute Idee war nach draußen zu gehen und dort herumzuirren. Es war Neumond und dank einer dichten Wolkendecke pechschwarz. Ein Handy besitze ich nicht, ich war wohl auch zu benebelt irgendeinen anderen klaren Gedanken zu fassen. Meiner Meinung nach, gab es nur zwei Möglichkeiten dessen, was passiert sein könnte. Entweder ich war ausgeraubt worden und mir fehlte deswegen mein Laptop oder ich war irgendwo gestürzt. Ich lag also im Oficina und wartete bis ich mich mit dem ersten Licht aufmachen konnte um meine Sachen zu suchen.

Ich fand sie in einer Kurve auf dem Weg zum Castillo. Der Weg verengt sich hier stark und auf beiden Seiten ragen große Betonrohre unter der Straße heraus. In zwei Meter Tiefe unter den Rohren sah ich mein Fahrrad und darunter meine Tasche. Bei der tiefschwarzen Finsternis der letzten Nacht hatte ich wohl die Verengung nicht ausmachen können und war über den Rand der Straße gefahren. Mit den Händen am Lenker und dem Gesicht im Matsch, wo ich dann bewusstlos liegen geblieben war und mich später zum Freiwilligenbüro geschleppt hatte. Die Steinchen, die sie mir später aus Nase und Mund holen würden, sprechen für sich. Um kurz vor fünf kam ich bei meiner Koordinatorin Britta an. Mein zermatschtes Gesicht benötigte wohl keiner weiteren Erklärung als: Fahrrad, nachts, dunkel, Brücke.

Nach einer Stunde Operation und 23 Stichen im Gesicht waren auch schon wieder Gesichtskonturen erkennbar. Da schau, ein Mund, eine Nase! Bei wem jemals mit Nadeln und Spritzen an Lippen und andere sensiblen Gesichtsteilen hantiert wurde, wird mein Unverständnis gegenüber Menschen, die sich freiwillig Botox spritzen, gewiss nachvollziehen können. Da hilft auch die Anästhesie nichts mehr.

In diesen Tagen war es auch, dass die schweren Gewitter wieder anfingen. Die Regenzeit hatte begonnen. Diesmal allerdings so stark, wie ich es selbst letztes Jahr nicht erlebt hatte. Im Fernsehen sagten sie, die Gegend um Nicoya  – dort, wo ich wohne – sei die, mit der höchsten Blitzanzahl in ganz Costa Rica. Sieben Menschen sterben hier jährlich aufgrund von Blitzen. Mein Zimmer liegt im zweiten Stock eines kleinen Holzhäuschens und ist die höchste Erhebung in einiger Entfernung. Nachts lag ich dort wach und versuchte mich an die Regeln des faradayschen Käfigs zu erinnern. Oder war das Haus vielleicht aus Buchenholz gebaut? Die sollte man schließlich suchen, die Buchen. Wohl kaum. Und: gab es einen Blitzableiter? Verminderte ich meine Chancen auf einen Blitzeinschlag in mein Bett, wenn ich es weiter weg von der Wand rückte? Das ganze Haus erzitterte  vom tiefen Grollen des Donners, der direkt neben meinem Fenster seinen Ursprung zu finden schien.

Die Straßen, die im Sommer den Weg nach Sámara um eine halbe Stunde verkürzten waren nun wieder unpassierbar. Die Regengüsse hatten die Staubstraßen in Matschlandschaften verwandelt, die selbst die dicken Jeeps in die Knie zwangen. Esterones war also wieder zu dem abgeschiedenen Kosmos geworden, das es eigentlich war. Mit all dessen V0r- und Nachteilen, vor denen es nun kein Entkommen mehr gab.

Aufgrund meines kleinen Unfalls war ich arbeitstechnisch erst einmal außer Gefecht gesetzt. Die Projekte, die ich im Dorf momentan allein vorantrieb, vertrugen aber eigentlich keine Pause. Der „Día del Arbol Esterones“, der Tag des Baumes, ist die letzte große Sache, die ich hier organisiere, bevor ich wieder nach Deutschland fahre. Das Umweltministerium spendet uns viele Bäume, deren Einpflanzung mit einem kleinen Festival gefeiert werden soll. Verschiedene Künstler aus allen Teilen des Landes geben sich an dem Tag ein Stelldichein im beschaulichen Esterones: Geschichtenerzähler, Dichter, Musiker und Zirkusartisten treten auf.

 

Großes Gerangel gibt es allerdings darüber, an welchen Dorfverein der Essensverkauf vergeben wird. Da für diese Veranstaltung sowieso jede Hilfe gebraucht wird, dachten wir, es wäre kein Problem einfach alle miteinzubinden. Den Nachbarschaftsvorstand, die Eltern der Schule, des Komitee der Umweltaktivitäten. So simpel war es allerdings nicht. Da einer meiner Koordinatoren die Aufgaben der einen Gruppe zugeteilt hatte und die andere Koordinatorin dieselben Aufgaben der anderen Gruppe, stritten sich diese beiden Vereine nun um die Kompetenzen. Daraufhin hatte ich  verschiedene Frauen mittleren Alters auf meiner Terrasse sitzen, die sich darüber empörten, was denn nun los sei und unter diesen Umständen jawohl nun gar nicht, sie würden sofort diesen und jenen Menschen anrufen. Die andere wollte die andere Koordinatorin anrufen und war jawohl auch total entrüstet und so ginge es jedenfalls nicht. Um die Verwirrung komplett zu machen überschneiden sich die Mitglieder dieser ganzen Fraktionen auch noch. Mir war es schließlich völlig egal wer da im Namen von wem kochte. Hauptsache es gab am Ende Essen auf dem Tisch. Ich schlug vor eine Versammlung einzuberufen, bei der man das alles klären würde. Der Verschlag wurde nach einigem Hin und Her angenommen und schien mir zielführend. Leider lag ich an dem ausgemachten Tag mit Frankensteinmaske und Gehirnerschütterung im Bett und konnte der Zusammenkunft nicht beiwohnen. Ich hatte aber auch nichts verpasst. Eine der zwei Frauen, mit denen ich zuvor auf meiner Terrasse diskutiert hatte, rief die Hälfte der relevanten Personen überhaupt nicht an und erzählte der anderen Hälfte, mein Koordinator sei sowieso ein bisschen neben der Spur, man müsse sich gar keine Komplikationen machen. Es kam also auch niemand an besagtem Tag zur Besprechung.

Bis zum „Día del Arbol“ sind es noch zwei Wochen und ich denke bis dahin sollte dies geregelt sein. Zur Not kaufe ich halt selber ein bisschen Reis und Huhn, dürfte auch kein Problem sein. Vielleicht kann ich meinen Mund bis dahin ja sogar wieder so weit aufmachen, dass ich einen Löffel benutzen kann ohne alles in meiner näheren Umgebung zu verteilen. Das wär schön! Aber heute, drei Tage nach meiner Operation, fängt meine zweijährige Gastschwester schon nicht mehr an zu weinen, wenn sie mich sieht. Sie sagt jetzt „Cristo!“ und fasst sich mitfühlend an Nase, Mund und Stirn. Das ist ein gutes Zeichen, ich glaube, sie erkennt mich jetzt wieder. In einer Woche soll ich schon wieder ganz normal aussehen. Die tausenden Mittelchen, die der Doktor mir verschrieben hat, sowie die liebevollen Kamille- und Aloe Vera-Behandlungen meiner Gastmutter wirken anscheinend Wunder. Ich bin gespannt und jetzt schon begeistert wie schnell sich der menschliche Körper wieder erholt. Morgen kaufe ich mir trotzdem eine Taschenlampe für dunkle Nächte.

Ticoetiquette

5. Mai 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Casí Tico wäre ich dann in ein paar Monaten, sagte man mir als ich in Costa Rica ankam. Fast fühle ich mich schon als funktionierendes Rädchen in der Ticomaschine, aber manchmal werde ich doch mit der Nase auf die Unterschiede geschubst, die man sich nicht gedanklich glatt streichen kann. Nach der langen Zeit, die ich nun hier bin habe ich kürzlich zum ersten Mal ein wirklich konstruktives Gespräch über die Kulturunterschiede geführt, die einem sonst nicht auffallen. Vielleicht übersieht und ignoriert man sie auch einfach.

Eines Sonntags saßen wir auf der Terrasse meiner Familie, fünf Leute ungefähr, meine Gasteltern, meine Gastschwester Yendri und irgendeiner der vielen Verwandten. Gastmama klönte, Vati kaute auf einem Zahnstocher, Yendri fegte. Der Hund lag im Weg und wurde weggefegt, hatte aber eigentlich gar keinen Ort, wohin er sich verziehen konnte, da er sonst die Treppe runtergefallen wäre. Also wurde er mit dem Besen bearbeitet, ja geschlagen.  Das war das einzige Mal in meinen acht Monaten hier, dass ich meine Stimme erhoben habe und meine Meinung deutlich zum Ausdruck gebracht habe darüber, was ich von der Art, wie Tiere hier teilweise behandelt werden halte. Ich ging danach meinen Weg und die Sache war damit für mich gegessen. Für Yendri anscheinend nicht. Als ich eine Woche später an ihrem Haus vorbeikam und sie nicht mal ein Lächeln rausdrücken konnte bat ich zum Dialog und erfuhr, dass sie wohl den Rest des Tages geheult hätte, vor Scham und Wut. Wut, weil ich meine Rolle überzogen hatte, als Nicht-wirklich-Familienmitglied jemanden eindeutig zu kritisieren. Und dann auch noch vor fremden Leuten; sie hätte sich in Grund und Boden geschämt. Sie wäre anschließend eine Woche lang krank gewesen. Es tat mir ehrlich gesagt nicht wirklich leid, obwohl ich die Ticoetiquette des durch die Blume Sagens verletzte hatte. Ich entschuldigte mich natürlich nichtsdestotrotz, nicht allerdings ohne anzumerken, dass ich auch sehr sauer gewesen sei, dass sie nicht zu meiner Geburtstagsparty am Strand gekommen sei und mich gleichwohl nicht eine Woche lang erzürnt hätte.  Das sei was ganz anderes, das verstehe ich nicht. Die Ausländer hier würden sich die ganze Zeit amüsieren, sie hätten ja auch keine Kinder; und sie würde einfach einen anderen Lebensstil pflegen.  Sie gehe nachts nicht aus. Früher ja – heute nein. Mir ist schon klar warum, aber so deutlich war es mir einfach nie bewusst gewesen. Ich ermunterte sie, sich doch mal zu amüsieren, ihre zwei-jährige Tochter bei der Tante nebenan zu lassen und feiern zu gehen. Zum ersten Mal nach zwei Jahren.

Aber das kann sie nicht. Sie würde im Dorf zur Rabenmutter verschrien werden, die ihr Kind alleine lässt und sich betrinkt. Obwohl sie das natürlich nie tun würde. Aber es scheint als gäbe es hier nur zwei Sorten von Menschen. Diejenigen, die regelmäßig völlig sternhagelvoll in denselben Bars und Trinkecken anzutreffen sind und diejenigen, die Alkohol und jeden Ort, an dem er ausgeschenkt wird als den direkten Weg in die Hölle stigmatisieren. Bei den Benefizveranstaltungen, die wir die letzten Monate zum Wohle der Gemeinschaft organisierten, mussten wir uns mit diesem Problem ebenfalls auseinandersetzen. Wie kann man einen stimmungsvollen Ort –ergo nicht die Schule – nutzen, auch an Getränken Geld verdienen und doch eine Kundschaft herlocken, die sonst niemals nach 17 Uhr einen Fuß in ein Etablissement setzen würden, an dem auch Alkoholisches verkauft wird. In Deutschland wird schließlich selbst beim Schulfest auf dem Pausenhof Bier zur Bratwurst verkauft, aber wir sind eben nicht in Deutschland. ‚Die Ticos wissen nicht, wie man trinkt‘, sagt Yendri. Vielleicht hat sie Recht. Und sie hat ebenfalls ihre begründeten Ressentiments nicht nach 18 Uhr aus dem Haus zu gehen. Aber ich hoffe, dass einer der kulturellen Eindrücke, die ich hier hinterlasse bei Yendri bewirkt, dass sie auf meinen Rat hört und sich nicht darum schert, was die Leute sagen (oder erfolgreich betet, dass es keiner erfährt) und sich nach zwei Jahren Kindererziehung endlich auch mal amüsieren geht. Am besten, bei der ultimativen Benefizparty, die wir in zwei Wochen schmeißen.

In einer Bar, direkt am Dorfstrand Playa Buena Vista, von drei amerikanischen Aussteigern in den Mittzwanzigern geführt, planen wir  den Buena Vista Social Club. Es soll eine Recyclingstation im Dorf finanziert werden, um die allgegenwärtige Müllverbrennung einzudämmen. Livemusik, von Blues bis Akustikgitarre, Feuershowkünstler aus der Hauptstadt San José und zu späterer Stunde ein bekannter DJ aus der Region stehen auf dem Programm. Ausgefuchste Recyclingdekoration und eine Tombola mit fantastischen Preisen, wie einer Schokoladentorte oder einer Gratismassage am Yogainstitut in Sámara locken noch dazu (kommt also vorbei, wenn ihr das hier lest!).

Seit geraumer Zeit sprudeln wir über vor Ideen und arbeiten – natürlich auf entspannte Art und Weise – fast sieben Tage die Woche. Xenia (19) und Nicole (20), die zwei anderen Freiwilligen im Dorf verlassen uns schon in drei Wochen. Und auch mir bleiben nur noch anderthalb Monate. Es muss also noch viel umgesetzt werden bevor unsere Zeit hier zu Ende geht, aber das ist kein Problem – wir sind motiviert.

Die Glücklichen

10. April 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Schon in einem vorangegangen Eintrag, habe ich den Happiness Index erwähnt, laut dem Costa Rica das glücklichste Land der Welt ist. Man stellt sich die Ticos nun als ein durchweg lachendes Völkchen vor, das den lieben langen Tag zufrieden im Schaukelstuhl vor ihren niedrigen Häusern sitzt, mit den Nachbarn quatscht und rundum glücklich ist. Naja, fast die Realität. Meine Gastmutter sagt: Nun ja, man mache es sich halt nicht alles so kompliziert hier. Das stimmt. Auch mein Koordinator Luis gibt eine ähnliche Erklärung auf die Frage, was die Ticos wohl zu den angeblich glücklichsten Menschen macht. Er meint, man würde einfach nichts zu wichtig nehmen. Das mache einem das Leben wesentlich angenehmer.Bild

Für mich als Deutschen im Tico-Pelz kann ich Folgendes sagen. Eine der schönsten Sachen, die ich hier gelernt habe ist Langsamkeit. Und die kleinen Freuden des Lebens wirklich zu genießen. Eine Stunde lang Kochen und dazu noch mit frischem Gemüse anstatt Gallo Pinto mit Fleisch: Diese Abwechslung von Reis und Bohnen, sowie das Erfolgserlebnis etwas selber zu erschaffen wird zum Highlight meines Tages – und wenn es eine Gemüsepfanne ist. In der Nachmittagshitze Früchte und Milch in den Mixer schmeißen und in der Hängematte einen bebida con leche genießen: Ein perfekter Moment, den man auskosten muss. Sich eine Stunde lang Zeit nehmen und zum Strand wandern und den Sonnenuntergang beobachten: Die Zeit steht still und nur noch das Naturschauspiel zählt.

Mit Elli Jenkins aus San José habe ich an der Bewerbung unseres Dorfstrandes Playa Buena Vista für die Bandera Azul gearbeitet – eine Auszeichnung des costa-ricanischen Tourismusministeriums, die an besonders saubere und gepflegte Strände vergeben wird. Elli brachte mir aber auch andere Dinge nah. Man müsse sich auf die grundlegenden goodnesses konzentrieren und diese genießen. Wenn man mit der Natur nicht im Einklang sei könne man im Leben auch sonst nichts richtig genießen. Was für ein Cliché! Aber es ist wahr. Ich merke es an mir selber, dass ich unglücklich werde, wenn ich den ganzen Tag vor dem Laptop sitze und wie sich meine Stimmung unterbewusst bessert, wenn ich am Tag einige Stunden in der Natur verbringe, ob am Strand oder anderswo.

In diesem und im letzten Jahr, habe ich viele verschiedene Ansätze dazu gehört, was einen im Leben glücklich macht, beziehungsweise, was es ist, das man braucht um im Leben zufrieden zu sein. Mein Dramaturg aus dem Schauspielhaus Hannover sagte mir zum Abschied, die drei wichtigsten Dinge im Leben seien Lesen, Joggen und Sex. An einem lauschigen Sommerabend in León in Nicaragua Anfang dieses Jahres saß ich mit einer interessanten Gruppe zusammen, die aus einem Produktdesigner aus LA, einer selbsternannten Schriftstellerin aus Paris und einem Grafikfreelancer mit Jesusbart aus Portland bestand, als die Diskussion auf ebenjenes Thema fiel. Es wurde allgemein beschlossen, gutes Essen, Musik und Sex seien das Lebenselixier. Die Meinungen drifteten dann jedoch auseinander ob Drogen, wie Zigaretten, Alkohol und Je nach Gusto auch noch mehr zusätzlich mit in die Liste mit aufgenommen werden sollten. Was nun genau des Rätsels Lösung ist, dazu werde ich mir wohl frühestens in zehn Jahren eine fundierte Meinung erlauben. Doch bereits jetzt kann ich sagen, dass Elli Recht hat und es einfach zu den Grundbedürfnissen gehört, öfters mal die Schönheit der Natur, die uns umgibt zu würdigen und uns derer klar zu werden. Zugegeben, das ist in Costa Rica vielleicht noch ein bisschen einfacher als in Hannover.

Luis

Die Ticos sind aber nicht nur besonders glücklich, sondern werden auch noch besonders alt. Die Península de Nicoya, auf der das Dorf liegt, in dem ich wohne, gehört zu einer von fünf Regionen weltweit, die als Blue Spots bezeichnet werden. Der Demografologe Dan Buettner stellte in einer Studie eine Liste solcher Punkte zusammen, die Orte umfasst, an denen die Menschen ungewöhnlich alt werden. Dazu gehören einzelne Regionen in Italien, Griechenland, Kalifornien, Japan und die oben genannte in Costa Rica. Zurückgeführt wir die hohe Lebenserwartung auf gesunden Lebensstil, viel Bewegung und Arbeit bis ins hohe Alter. Ein Beispiel hierfür wohnt direkt bei mir nebenan. Es ist Ceferino, das Familienoberhaupt des Clans, zu dem meine Gastfamilie sich ebenso zählt. Mein Gastgroßvater sozusagen. Mit 76 Jahren steht er immer noch jeden Morgen um fünf auf und fährt auf seine Plantagen, auf denen er Mais und Bananen anbaut und arbeitet dort bis in die Mittagsstunden. Ein weiterer Aspekt, der laut Buettner zu der weiten Verbreitung außerordentlich alter Menschen in dieser Gegend führen soll, sei die enge Einbindung der Älteren in das Familiengeschehen, die starken sozialen Bindungen, die sie auch im hohen Alter noch erhalten. Da Ceferino und seine Ehefrau umgeben von den Häusern ihrer Kinder wohnen, von denen das jüngste mit 28 Jahren sogar noch zuhause lebt, bleibt kein Zweifel daran, dass man diesen Punkt hier nur bestätigt sieht. Der Familienzusammenhalt bedingt sich schon allein durch die räumliche Nähe. Es ist völlig unmöglich sich hier nicht umeinander zu kümmern. Vielleicht sind die Ticos auch deshalb so glücklich.

San José du bunter Moloch

26. März 2012 § 2 Kommentare

„Joshua, bring dein Trinkpäckchen dahinten hin zum Recyceln. Nein, nimm den Strohhalm raus, der ist aus Plastik und gehört in den anderen Mülleimer“, sagt der 5-jährige Fabricio zu seinem besten Freund während der Pause im Kindergarten. Wir Voluntarios sitzen fassungslos daneben und können kaum glauben, was für Früchte unsere Arbeit trägt. Auch wir tragen also vielleicht wirklich etwas zur Verminderung des allgegenwärtigen Müllproblems bei? Es sind die kleinen Momente wie dieser, die uns eine Rechtfertigung für unseren Aufenthalt als Freiwillige geben. Denn überrascht haben auch wir feststellen müssen, dass die Kinder in Costa Rica nicht wirklich viel lieber zur Schule gehen als ihre gleichaltrigen Äquivalente in Deutschland. Allen Erwartungen entgegen haben sie nicht sehnsüchtig darauf gewartet, dass wir Voluntarios kommen und sie endlich aus ihrer „Misere“ befreien und ihnen etwas beibringen. Als Entwicklungsland kann man Costa Rica nun auch wirklich nicht beschreiben. Dieser Staat scheint auf dem besten Wege dazu prächtig zu gedeihen. Die Preise beispielweise, lassen dies vermuten. Von allen Seiten hörte ich vorher, wie teuer Costa Rica im Vergleich zu seinen Nachbarländern sei, aber glauben kann konnte ich das nicht bis ich es sah: Dass Käse und Wurst praktisch unbezahlbar sind. Dass ein Liter Milch 1,40 Dollar kostet. Dass Klamotten nicht billiger sind als in Deutschland. Und dass viele Menschen trotzdem nur 2 bis 3 Dollar pro Stunde verdienen. Auch hier gibt es eine weit geöffnete Schere zwischen arm und reich,  die sich eindrucksvoll in San José begutachten lässt, wo ich voriges Wochenende ein paar Tage verbrachte.

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Bei meiner Hinfahrt dorthin hatte ich das große Glück einen Teil der Strecke mitgenommen zu werden. Auf längeren Fahrten bin ich immer in der Konfliktsituation, ob ich mich nun anschnallen sollte (voll uncool); oder nicht (voll gefährlich). Denn außer auf ausgewählten Strecken scheint überall im Land Höchsttempo 60km/h zu gelten. Zu Recht, bei dem Zustand der Straßen. In diesem Fall hatte ich das große Glück, dass der Tacho meines Fahrers nicht funktionierte und ich keine Gewissheit darüber haben konnte, ob er wirklich mit 120 über die von Schlaglöchern übersäten Wege fuhr. Dies blieb meine Spekulation.

„La Capital“, wird von den Ticos in Esterones, dem Dorf in dem ich wohne, als ein großer hässlicher Moloch beschrieben, der nur Gefahren, Lärm und rücksichtslose Autofahrer zu bieten hat. Generell sei es das Beste, jede Strecke dort nur mit dem Taxi zu fahren. Die Ticos in Esterones glauben allerdings auch an „La Mona“, einen weiblichen angsteinflößenden Affen, der alle Männer, die nachts Schäferstündchen mit ihren Freundinnen abhalten, einen Besuch abstattet und ihnen Angst einjagt. Ganz so schlimm wie die Dorfbewohner meinen ist also auch San José nicht. Schön ist es zwar nicht gerade, allerhand zu bieten hat es trotzdem. Auf kleinstem Raum tummeln sich hier unzählige Kunstgalerien und Museen, sowie die angeblich beste Clubszene ganz Zentralamerikas. Auch San José hat seine Ecken, die man nachts wohl meiden sollte. Ich aber gewann den Eindruck, dass man sich sonst in der Stadt relativ sicher auch zu Fuß oder im Bus bewegen kann. Kai, ein anderer Freiwilliger, den ich schon in Deutschland kennen gelernt hatte, macht sein FSJ hier. Er sagte, er bewege sich praktisch völlig frei und außer dem einen Mal, als er mit einer Pistole bedroht und ausgeraubt wurde, sei noch nichts passiert. Nun gut. Ähnlich meinem Eindruck beschreibt Kai die Stadt und das Leben, das er hier führt als relativ europäisch, einen Kulturschock habe er nicht wirklich erlitten.

Escazú heißt das Viertel der Hauptstadt, in dem sich das Geld des Landes in Gated Communities zusammenrottet. Der Weg dorthin führt über eine Autobahn, die auf der rechten Seite den Blick auf Slums erlaubt, die dem Wort Wellblechhütte eine ganz neue, Bedeutung verleihen und auf der linken Seite, riesige Villen erschließt, die sich an die grünen Berge der Umgebung schmiegen. Im ‚Multiplaza‘, der größten Mall Costa Ricas, sind die Böden mit Marmor ausgelegt und BOSS reiht sich an Gucci und Prada. Die Hautfarbe der Klientel, die sich hier bewegt, ist um einige Töne heller, als die der Menschen im Rest des Landes. Die Dekadenz, die hier zur Schau gestellt wird, lässt bei mir Fragen aufkommen, wie das überhaupt funktionieren kann, mit solch aufeinanderprallenden Welten. Aber in Deutschland geht die Schere zwischen Arm und Reich schließlich auch immer weiter auseinander.

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Oftmals ist es beeindruckend, wie entwickelt und westlich vieles hier ist. Auf der anderen Seite bleibt immer der überhebliche Gedanke, das gehöre doch hier gar nicht hin, wo ist das Elend, das wir zu beseitigen versuchen? Es scheint aber falsch, die Probleme hier als Kinderkrankheiten eines Landes auf dem Weg zu einer westlichen Industrienation darzustellen. Die Defizite, die ich beobachte, wirken größer. Die Ticos hingegen  sind allgemein sehr zufrieden mit sich, was auch der sogenannte ‚Happyness Index‘ bezeugt. Eine Studie, die behauptet Costa Rica sei die glücklichste Nation der Welt. Wozu also das Ideal des Okzidents anstreben? Vielleicht wegen derjenigen in der Familie, deren Schwul-Sein zwar intern geduldet aber totgeschwiegen wird; oder wegen der 14-jährigen verheirateten Mütter, die keiner über die Folgen von Sex aufgeklärt hat, weil Gott diesen vor der Ehe sowieso verbietet; und sicher wegen der Kinder aus den Slums von San José, deren Zukunftschancen wahrscheinlich nicht in den modernen Chip-Fabriken außerhalb der Hauptstadt liegen, und die den Fragebogen für den Happynessindex wahrscheinlich nicht ausgefüllt haben.

Für uns mag es vielleicht nicht einfach sein, hier im kleinen Rahmen etwas zu bewegen, das nachhaltig wirkt. Ich plane jedoch, mir an diesem Vorsatz zumindest die Zähne auszubeißen. Meine Mitfreiwillige Nicole bezeichnet die folgende Situation, als den bisher schönsten Moment ihrer Zeit hier. Nachdem sie einer Grundschulklasse schriftliches Dividieren beibrachte, kam eine der Schülerinnen zu ihr und sagte: „Danke Nicole, dass du uns das erklärt hast und dass du hier für uns da bist. Ich freue mich darauf, wenn du Donnerstag wiederkommst.“

Drei Wochen durch Zentralamerika mit Rucksack auf – und Sonne im Rücken: TEIL II GUATEMALA

24. Februar 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Dass immer doofe Sachen an der Grenze passieren, hatte ich schon gelernt. Die Sache diesmal war allerdings ganz besonders ungünstig. Im Bus nach Guatemala City war mir eingefallen, dass man dort nur mit Quetzal bezahlen konnte. In anderen Ländern, wie Nicaragua, konnte man sich zumindest im Notfall noch auf Dollars verlassen, hier sollte das nun gar nicht möglich sein. Eilig tauschte ich also an der Grenze noch schnell 30 Dollar um  und fragte meinen Sitznachbar im Bus ob 75 Quetzal dafür ein guter Kurs seien. Nach einigen Sekunden Überlegens sagte er ‚Sí‘ das sei gut. Ich war es zufrieden, der Mann sah halbwegs seriös aus. Als mein Taxi in Guatemala City plötzlich 60 Quetzal kostete wurde ich stutzig. Man hatte mir einen Gegenwert von weniger als zehn Dollar ausgehändigt. Über zwanzig Dollar hatte ich einfach ins Nichts getauscht. Noch heute lacht der Geldwechsler wahrscheinlich schallend.

Mein erster Anlaufpunkt im neuen Land war Antigua. Und nach Antigua kehrte ich auch noch oft zurück im Laufe meiner Woche in Guatemala. Die Stadt hat es mir einfach angetan.  Antigua ist nicht ganz so offensichtlich prächtig wie Granada in Nicaragua, wirkt aber sofort gemütlich und einladend mit seinen niedrigen Kolonialbauten und den von bunt gestrichen Häusern gesäumten breiten Kopfsteinpflasterstraßen. An jeder Ecke findet sich ein schickes Restaurant, coole Bars bestimmen das Stadtbild. Mein Budget wurde dadurch gesprengt, dass ich der Versuchung nicht widerstehen konnte fast jeden Tag fein Essen zu gehen. Für fünf Dollar speist es sich wohlgemerkt wie ein König. Das Essen wird nur noch übertroffen von der Qualität des Kaffees,  der in den Coffeeshops angeboten wird. Allein für den frischen, direkt in den umliegenden Plantagen gewonnen Kaffee lohnt sich eine Reise nach Guatemala.

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Das Hostel in dem ich wohnte, geht in meine Reisegeschichte als das, mit der besten Dachterrasse und der angenehmsten Atmosphäre ein. Im Ummagumma wird das Backpackerleben perfekt zelebriert. Jessy, eine Münchnerin, die ich dort kennen lernte brachte es auf den Punkt. Wenn man sich gerade vor fünf Minuten kennen gelernt hat und in der nächsten schon zusammen kocht, jeder beisteuert, was er gerade zu bieten hat, vom Wein bis zum Salz; wenn man zufrieden in der Abendsonne gemeinsam isst, dann weiß man wofür es sich zu reisen lohnt. Für die Menschen, die man trifft und für die immer neuen Situationen, die sich so ergeben. Aber auch für die Situationen, die sich überall gleichen, die sich durch die geniale Erfindung Hostel ergeben. Dass wildfremde Menschen in einer völlig unbekannten Stadt aufeinandertreffen und sich innerhalb von wenigen Stunden heimisch fühlen, aufgrund des temporären Zuhauses und des temporären Freundeskreises der sich da aufgetan hat. Natürlich ist es so, dass man die eine Hälfte der Menschen, die man so kennen lernt, sofort wieder vergisst und von der anderen Hälfte den größten Teil nie wieder sieht, obwohl das wünschenswert wäre. Aber einige Leute trifft man sogar wieder. Besonders in Zentralamerika scheint das öfters zu passieren. Jedes Mal, wenn ich in ein neues Hostel in Guatemala kam, traf ich dort Menschen, die ich schon von anderen Orten kannte. In Antigua traf ich zwei Mädchen, die ich drei Wochen vorher, ganz am Anfang meiner Reise in Granada kennen gelernt hatte.

In einem Dorf außerhalb der Stadt ließ ich mir mit einem Dänen und einem Australier zusammen spontan ein paar handgemachte Lederstiefel herstellen. Der Ort Pastores besteht nur aus einer einzigen Straße, an deren beider Seiten sich ein Schuhmacher an den nächsten reiht. Die Konkurrenz ist hier groß und so kann man sich zu einem erstaunlich erschwinglichen Preis Schuhe nach eigenen Vorstellungen maßfertigen  lassen. Der Meister brauchte allerdings drei Tage für die Herstellung, was mich dazu nötigte wieder nach Antigua zu kommen. Nach ein paar Tagen in San Pedro la Laguna, wo ich den Ausblick auf den beeindruckenden, von Vulkanen eingerahmten See genoss und im Morgengrauen auf die Nase des Indios stieg, kehrte ich also zurück. Es fühlte sich schon an als würde ich in ein altbekanntes Zuhause zurückkehren und gute Freunde wiedertreffen. Dolan, der Australier begrüßte mich mit den Worten, er wisse heute von einer genialen Kostümparty, jeder der als Frau verkleidet auftauchen würde, bekäme Getränke umsonst. Er war Feuer und Flamme und auf dem Second Hand Markt erstanden wir unter den besorgten Blicken der Verkäufer ein Frauenkleid, das augenscheinlich eher für schwangere Damen gedacht war, also auch unserer Statur zu Gute kam. Im Laufe des Abends stellte sich leider heraus, dass die genannte Veranstaltung überhaupt nicht stattfand. Ich hab noch heute keine Ahnung was die Quelle Dolans falscher Informationen war, vielleicht wollte er sich auch einfach nur ein Kleid kaufen. Trotzdem, ein guter Abend.

BildAm nächsten und letzten Punkt meiner Reise lernte ich einen der wundersamsten Orte kennen, die ich je gesehen habe. Semuc Champey liegt im Inneren des Landes, in einer Landschaft die an das Auenland aus Der Herr der Ringe erinnert. Weich geschwungene Hügel wechseln sich ab mit perfekten Dreiecken, die aussehen wie von Kinderhand gezeichnet. Darin eingebettet in einer Schlucht fließt ein Fluss, der in einem unwirklichen Türkis erstrahlt und von einer Klarheit ist, dass man problemlos bis auf den drei Meter tiefen Grund sehen kann. Was die Indios als Semuc Champey bezeichnen, ist eine Ansammlung von Naturpools von unterschiedlicher Größe und Tiefe, die sich treppenartig über einen Teil des Flussverlaufes erstrecken. Von Becken zu Becken hüpfend, die natürlich geschaffenen Formen in ihrer Perfektion bestaunend, kommt man sich vor wie im Paradies.

Das unglaubliche Gefühl von Unabhängigkeit, das sich bei so einem Trip einstellt, werde ich vermissen. Jeden Morgen könnte ich einfach aufwachen und ohne Ciao zu sagen an einen ganz anderen Ort reisen. Das tue ich natürlich nicht, weil es immer jemanden gibt, von dem man sich noch verabschieden möchte. Aber ich könnte – einfach, weil ich einen Reisepass und noch ein paar Groschen in meiner Tasche habe. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so frei gefühlt. Und gelernt habe ich auch allerhand. Auf meiner Rückfahrt hatte ich noch Quetzales übrig, für die ich keine Verwendung mehr hatte. Als der Bus an der Grenze stoppte versuchte ich mein Glück. Am Anfang haben die Geldwechsler noch über meine Wechselkursvorstellungen gelacht; am Ende habe ich knallhart gedealt und meine Forderungen erfüllt bekommen. YES!  Gringofied von einem Gringo, ihr Loser. Ich liebe das Wissen, dass ‚exotische‘ Länder wie Nicaragua, Guatemala, El Salvador jetzt nicht mehr nur einfach ein Fleck auf der Landkarte sind, sondern Plätze mit denen ich Bilder, Menschen, Geschichten, Erfahrungen verbinde.

Als ich wieder zurück in San José war und sehnsüchtig in den Gesichtern der Stadtmenschen nach einem Lächeln oder zumindest einem kleinen Hola suchte, wie ich es in den letzten Wochen überall kennen gelernt hatte, musste ich an eine Begebenheit in meiner letzten Stunde vor meiner Abfahrt in Guatemala denken. Als ich im Bus nach Guetamala City saß kam ein Einheimischer zu mir und sagte: „Thank you for visiting our country, I hope you’ll come again soon, my friend!“. Ich stammelte nur etwas von „ Oh umm, yea loved it“, bevor er weg war und fragte mich, ob er eigentlich wusste, dass er mit dieser kleinen Geste gerade meinen Tag gerettet hatte.

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